Suchbild von Mirco
Suchbild von Mirco

Da ich in der Nähe von Grefrath wohne, habe ich mich entschlossen, meine Eindrücke von der Trauerfeier für den ermordeten Mirco hier niederzuschreiben.

Es war ein hin und her, soll ich zur Trauerfeier fahren ja oder nein.

Ich versuchte abzuwägen, es könnte regnen, es ist kalt oder es wird bestimmt sehr voll.

Aber im tiefsten Inneren wusste ich, dass ich fahren wollte, ich hatte nur Angst, ob ich diese Trauerfeier überstehe oder ob sie mir schaden würde. Aber das Leben ist nicht immer schön und es scheint auch nicht immer die Sonne und deshalb machte ich mich auf den Weg zum Marktplatz in Grefrath. Als ich ankam, stiegen fünfhundert weiße Luftballons mit dem Aufdruck „Ruhe in Frieden Mirco“ in den Nachthimmel dieser kleinen Gemeinde. Ein sehr bewegender Augenblick zwischen Schönheit dieser Aktion und Nachdenklichkeit über die Gründe dieser Wünsche.

Ich lief zunächst einige Male über den Marktplatz und wusste nicht genau, wo ich stehen bleiben sollte. Eine Befürchtung hatte sich bestätigt: es waren viele Pressevertreter vor Ort und machten ihre Arbeit. Ich empfand diese Anwesenheit zu diesem Zeitpunkt als störend, muss aber hinzufügen, dass die Journalisten während der Trauerfeier ihre Arbeit teilweise einstellten und sehr dezent vorgingen. Als mich ein Radioreporter fragte, warum es mir wichtig ist heute hier zu sein, gab ich ihm nur die kurze Aussage, dass ich dazu nichts sagen möchte. Das wurde ohne weiteren Kommentar auch hingenommen. Übrigens hörte ich meine Aussage von mehreren Personen.

Als dann die Übertragung begann und die ersten Worte auf dem Martkplatz ertönten war Ruhe eingekehrt. Keine Fotografen die hin und her liefen, kein Blitzlicht, mein Focus richtete sich auf die Leinwand.

Am Anfang begrüßte der Pfarrer die Gäste und die Freunde von Mirco, ebenfalls wurden die anderen Geistlichen vorgestellt.

Am bewegendsten fand ich die Situation, als eine Frau in der Kirche ein Lied sang.

Musik ist eine universelle Sprache und sie öffnete die Ventile von so vielen Menschen. Man hörte Menschen weinen, es wurde geschluchzt und wie sonst ein Lachen andere Menschen anstecken kann, so nahm bei vielen Menschen die Trauer ihren Lauf.

Aus der St.-Laurentius-Kirche sprach auch der Präses des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden Roman Siewert, ein langjähriger, enger Freund von Mircos Familie. Er sagt in seiner Predigt: Mit Mirco haben wir die Verletzlichkeit des Lebens erfahren, besonders unsere Kinder und eine heranwachsende Generation. Eltern und Großeltern mussten erfahren: Wir können nicht schützen.“ Der 3. September 2010 – der Tag, an dem Mirco verschwand – und der 26. Januar 2011 – der Tag, an dem der Junge bei Wankum ermordet aufgefunden wurde – hätten sich für viele Menschen auf Dauer in das Gedächtnis der Erinnerung gebrannt.

 

Der mutmaßliche Täter habe unsägliches Leid über Mircos und auch seine eigene Familie gebracht, sagt Siewert weiter. Was nun passiert sei, werfe Fragen auf, lasse Traurigkeit, Wut und Enttäuschung aufbrechen, mache aber auch Angst. Jesus, fährt der Präses fort, sei der Angstbrecher. Wer sich darauf einlassen könne, sei nicht mehr allein.

Anschließend las er einen Brief der Familie Schlitter vor, der Brief im Wortlaut.

Liebe Grefrather Bürger, liebe Klasse 6 a der Gemeinschaftshauptschule Grefrath, liebe Mitarbeiter der Soko Mirco,

Unser Mirco!

Freundlich, lebenslustig, immer ein Lächeln auf den Lippen, freiheitsliebend, eigensinnig, Rhythmus im Blut, es blieb kein Besteck still liegen, sondern wurde zum Schlagzeug umfunktioniert.

Kleiner Schelm und guter Versteckkünstler, Klettern fand er super. Er war unser Clown und unsere Sportskanone. Egal, welchen Sport, ob Fußball, Reiten, Eisschnelllauf, er war einfach Top.

Mit seinem Fahrrad und Freunden Touren unternehmen, war sein Ding. Am liebsten wurde die Freizeit auf verschiedenen Bauernhöfen verbracht. Er war gerne an der frischen Luft und wenn er groß ist, wollte er Bauer werden.

So manch einen hat er auch auf die Palme bringen können mit seinem stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Mirco war etwas Besonderes, manchmal haben wir ihn selbst nicht verstanden.

In der Schule haben wir manche Höhen und Tiefen durchlebt, manche Lehrerin kann ein Lied davon singen. Trotz allem, wir haben ihn total lieb und ganz, ganz viele von Euch und Ihnen haben Ihre eigene Geschichte mit Mirco geschrieben.

Das Verschwinden von Mirco vor fünf Monaten hat uns alle erschrocken, viele Fragen, Gedanken und Gerüchte kamen auf. Grefrath war nicht mehr das Grefrath, das wir aus Kindertagen kannten. Angst machte sich breit, die Kinder wurden nur noch in Begleitung zur Schule und ihren Freizeitaktivitäten gebracht.

Viele wussten nicht, wie sie sich verhalten sollen – wir ja auch nicht. Unsere Kinder wollten so schnell wie möglich wieder ein normales Leben und einen geregelten Alltag. Der Bruder fehlt, es ist so still im Haus, Tränen fließen und es soll endlich ein Ende her.

Suchtrupps der „Soko-Mirco“ rollten durch unseren Ort, Helicopter kreisten über Grefrath, eine intensive Suche begann – für uns Hoffnung, für manch anderen von Euch / Ihnen ein beklemmendes Gefühl. Dann die vielen Fernsehsender, die immer wieder dranblieben, um jedes Detail von der „Soko Mirco“ zu berichten.

Es war eine angespannte, bedrückende Zeit. Wir als Familie haben uns aber vom ersten Tag an nicht alleingelassen gefühlt, da wir ganz genau wussten:

Alles, was Gott tut, ist vollkommen und was der Herr sagt, ist unzweifelhaft wahr. Wer in Gefahr ist und zu ihm flieht, findet bei ihm immer sicheren Schutz. 2. Samuel 22, 31

Dieser Bibelvers hat uns vom 1. Tag des Verschwindens von Mirco begleitet. Wir als Familie haben in der Zeit Trost gefunden durch gemeinsames Gebet, Lobpreis und Bibellese. Außerdem sind wir dankbar für die großartige Unterstützung von überall, sei es aus Grefrath oder sogar Gebete und Grüsse aus Deutschland und aller Welt.

Es sind manche neue Kontakte entstanden, gemeinsame Gedenk- und Hoffnungsgottesdienste haben stattgefunden. Manch einer hat sein Leben neu durchdacht.

Mirco war immer einer, der nicht gerne fotografiert werden wollte und jetzt… Sein Fahndungsbild ging durch Deutschland und in die ganze Welt. Viele haben ihn in ihr Herz geschlossen, mit uns gefühlt.

Jetzt, der 26. Januar 2011 wurde ein ganz harter Tag für uns. Ein Verdächtiger ist festgenommen und Mirco gefunden. Entsetzlich und grausam, unser Sonnenschein Mirco kommt nicht wieder.

Er hat sein Leben gelassen für einen erwachsenen Menschen, der seinem beruflichen Stress und Druck Luft machen wollte.

Wir als Familie glauben, dass für diesen Druck und Stress und alle unsere Sorgen und Sünden schon vor vielen Jahren ein anderer junger Mann gestorben ist. Er heißt: Jesus!

Er hat die Last der Welt, eines jeden einzelnen von uns auf sich genommen. Und da Mirco, so wie wir an diesen Jesus geglaubt hat, ihn liebgewonnen hat als Freund und Vater, dürfen wir uns freuen, Mirco im Himmel wiederzusehen.

Als ich das erste Mal von dem Verschwinden hörte, es war gute zwei Tage nach dem 3. September, dachte ich mir, was die Eltern wohl durchmachen. Ich habe in diesem Moment einen Satz empfunden, den ich sehr passend finde. Was die Eltern von Mirco durchmachen, kann ich nur erahnen, und was ich erahne, ist schon schlimm genug.

Traueranzeige_für_Mirco_Schlitter_aus_Grefrath
Traueranzeige für Mirco

Das Mircos Eltern auch nach so einem Schicksalsschlag noch fest an einen barmherzigen Gott glauben, beeindruckt mich sehr. Ich hoffe, dass sie durch ihren Glauben das Erlebte so verarbeiten können, dass sie ihr Leben erträglich gestalten können. Vergessen werden sie diese Erlebnisse nie, aber auch wir Unbeteiligten können aus diesem Verbrechen etwas lernen. Achten wir einander, schauen wir nicht einfach weg, wenn etwas passiert. Es liegt an uns, ob wir uns nur aufregen über zunehmende Gewalt, oder ob wir den Fernseher nicht einfach nach dem ersten Toten ausmachen.

Was bei vielen sicherlich untergegangen ist, waren die Fürbitten für die Familie, aber auch für die Familie des Täters. Es wurde sogar für den Mörder gebetet.

Man kann darüber denken, was man möchte, ich will das hier auch nicht weiter diskutieren, dazu ist das Thema Glaube viel zu komplex. Ich wollte es nur noch in diesem Text erwähnen.

Ich hoffte, nach diesem Gottesdienst meinen Frieden gefunden zu haben, merkte aber, dass mich dieses Thema doch sehr mitnahm. Deshalb schreibe ich auch diese Zeilen, um vielleicht dadurch etwas Ruhe zu finden. Die Frage nach dem Warum bleibt bei all diesen Tagen im Raum stehen, eine Tat, die so unfassbar ist, dass man sie nur sehr schwer in Worte fassen kann.

Ich hoffe vom tiefsten Herzen, dass die Familie diesen Schicksalsschlag überwindet, und das Sie Ihren Sohn wiedersehen werden.

 

WO IST MIRCO? from Findet Mirco Schlitter on Vimeo.

TV Bericht über die Suche nach Mirco
weiter Filme über die Suche 

14 thoughts on “Das warum bleibt, der Mord an Mirco ist nicht zu verstehen.

  1. Hallo 😉

    Das hast Du wirklich wunderschön geschrieben.

    Ich war auch dort.
    Warum?
    Weil ich Mircos Familie meine Anteilnahme, meine Solidarität,
    Mirco meine Trauer,
    dem Täter Unverständnis und Wut entgegenbringen wollte.
    Und ich hatte Trost gesucht,
    in der Hoffnung, dass der Gedenkgottesdienst ihn mir geben würde.

    Ruhe in Frieden, liebster Mirco 🙁
    http://www.youtube.com/watch?v=vEOZLQ3d1FI

    Liebe Grüße
    Conny

  2. Hallo zusammen,

    Am Samstag findet in Krefeld eine Demo für härter Strafen bei Kinderschändern statt.
    Treffpunkt ist am Hauptbahnhof !
    Bitte verbreitet diese Info im Netz!

    Gruß,
    Bernhard

  3. Hallo lieber Schreiber.

    ich kann meine Wut einfach nicht beschreiben, ich kann diesen Menschen nicht Verstehen.
    Ich habe Wut ich habe Hass gegen solche Leute.
    Ich könnte Weinen !

    Manchmal verstehe ich die Welt nicht.

  4. @Laura K
    Hallo liebe Laura,

    ich kann dich sehr gut Verstehen, denn auch ich kann das ganze immer noch nicht Verstehen.
    Es wird auch nie ganz zu Verstehen sein.
    Das man Traurig ist und Weinen kann, ist doch „normal“ und nichts schlechtes !
    Bei solchen tragischen Ereignissen wie dieser, spielen die Gefühle Verrückt, man sollte sich nur nicht durch den Hass verblenden lassen, den er ist zwar ein einfacher Weg, aber bestimmt nicht der Richtige Weg.
    Sehe das doch einmal so, du bist nicht allein in deiner Trauer. Es gibt viele Menschen die immer noch an das was geschehen ist Denken müssen. Auch wenn es sicherlich schmerzt, aber wer Vergessen wird ist wirklich Tot, und da man Mirco nicht Vergisst ist er auch nicht ganz von dieser Welt !

  5. Sehr ergreifend diese Wort, auch sehr mutig geschrieben, ich hätte nicht den Mut mich so offen mit dem Thema auseinander zu setzten, ich verdränge so was schlimmes lieber.
    Ich kann es auch nicht verstehen das die Familie Schlitter Olaf H vergeben hat, sowas kann man nicht verzeihen !!

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