Mirco_Schlitter_Das_BuchZwischen den Feiertagen zu Weihnachten habe ich endlich Zeit und Ruhe gefunden, um einmal ein Buch zu lesen. Da ich den Fall Mirco fast live miterleben musste, ich wohne in einem Nachbarort, ist mir dieser Fall besonders nahe gegangen. Aber für alle die nicht wissen, worum es in diesem Buch geht:

Am  3. September 2010 verschwindet der damals zehnjährige Mirco Schlitter auf dem Heimweg von einer Skater Bahn in Oedt. Er war in den späten Abendstunden mit seinem Fahrrad auf dem Heimweg nach Grefrath, wo seine elterliche Wohnung ist. Auf diesem Stück verschwindet der Junge. Eine SOKO mit dem Namen „Mirco“ wird eingerichtet, sie wird geleitet von dem 48-jährigen Polizisten Ingo Thiel. Die Sonderkommission  ist mit 80  Beamten besetzt und führt die größte Suchaktion in der Geschichte der Bundesrepublik durch. An gewissen Tagen sind mehr als tausend Beamte auf den Beinen, dabei werden sie von der Bevölkerung tatkräftig unterstützt. Bei der Sonderkommission gingen mehrere Tausend Hinweise aus der Bevölkerung ein. Nach Tagen wird das Fahrrad des Jungen gefunden, es wurde von einem Passanten mitgenommen und gereinigt, womit auch alle Spuren verloren gegangen sind. Ebenfalls mitgenommen wurde eine Hose, die am  Parkplatz Hinsbecker Straße in Grefrath lag, erst nach Tagen meldete sich die junge Frau bei der Polizei, um das Fundstück zu übergeben. Eine Sache die unglaublich erscheint, war doch das Verschwinden des kleinen Mirco  zu einem Top-Thema des öffentlichen Lebens geworden. Alle Medien berichteten über den Fall, Suchbilder der Polizei hingen an fast allen Plätzen der Stadt. Die Soko „Mirco“ brauchte 145 Tage, um das Schicksal zu klären. Er wurde von dem vierfachen Vater Olaf H. aus Schwalmtal verschleppt, missbraucht und anschließend umgebracht.

Das Buch Mirco – Verlieren. Verzweifeln. Verzeihen.  ist im christlichen  Buch- und Musikverlag Gerth Medien erschienen.

Ich war gespannt was mich in dem Buch erwartet, und dachte zuerst an zahlreiche Bibelverse, die ich zu lesen bekomme, aber trotz aller Gedanken freute ich mich darauf, das Buch in Ruhe zu lesen.  Das Buch war sehr gut und leicht zu lesen, was mich sehr freute, denn ich war schon nach den Weihnachtstagen damit fertig. Die Familie Schlitter schildert in ihrem Buch ganz offen und ehrlich ihre Situation mit dem Unfassbaren, wie sie mit dem Verschwinden und mit dem Tod ihres Kindes umgeht. Es erzählen unterschiedlich einmal der Ehemann und die Mutter von Mirco, was gute Abwechslung in das Buch bringt, da jeder anders schreibt. Die Eltern von Mirco beschreiben ihre Lebensgeschichte, wie sie sich kennengelernt haben, bis hin zur Beisetzung ihres Jungen. Das schreiben sie so schön, dass ich das Gefühl bekomme, als wäre ich  in dieser Familie mit drin.

Frau Schlitter erzählt über die schwierige Geburt ihres Sohnes Mirco, ihre Krankheit, die sie heute noch mit sich trägt. Das ganze ist so offenherzig geschrieben, dass es mich doch sehr erstaunt. Ich dachte mir nach so einem schlimmen Fall versteckt man sich erstmal vor der Welt und will seine kleine Familie behütet sehen. Aber genau das ist es, was die Menschen oftmals nicht verstehen. Wir gehen davon aus, dass Menschen nach gewissen Mustern funktionieren. Eine Familie, die so was durchleidet muss zerbrechen, sie wird lange kein Glück mehr finden,  und da irritiert es sicherlich, wenn die Betroffenen anders agieren, als man es sich vorstellt. Eine lachende Frau Schlitter im Fernseh zu betrachten, hat viele Menschen verstört, und ich habe oft mit Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen über den Fall gesprochen. Einige Reaktionen zeigten das pure Unverständnis, ganz nach dem Motto, die haben sie doch nicht alle. Auch auf solche Aussagen oder Reaktionen  gehen sie in ihrem Buch ein und zeigen klar, dass sie nicht irgendwelche religiösen Spinner sind, sondern Menschen, die mitten im Leben stehen und in den entscheidenden Momenten das Richtige gemacht haben, die trotz allem Schlechten, was ihnen wiederfahren ist, auch immer noch an das Gute glauben, und diesen Glauben an ihre Kinder weitergeben.

Ich möchte hier nicht über Glaube an Gott diskutieren, da dies ein Thema ist, was separat zu behandeln ist. Ich wollte wissen, wie es der Familie ergangen ist, wie sie es geschafft haben, weiterzuleben mit dieser Lücke. Ich finde dieses Buch ist nicht nur die Geschichte über Mirco, sondern sie ist eine Anleitung  zum Umgang Miteinander.  In dieser Zeit hat ihnen ein intaktes soziales Umfeld geholfen, eine Christengemeinde, die Nächstenhilfe nicht predigt, sondern lebte, ihr Glaube an einen Gott, der sie trägt.
Gerade dieses Gottvertrauen kann man nicht von heute auf morgen erlernen, man hat es, wie Sandra Schlitter es so nett schreibt, mit der Muttermilch aufgenommen. Das Vertrauen in Gott spiegelt sich auch darin wieder, was die Eltern zu Weihnachten der Soko schenkten. Ein Plakat mit dem Gedicht „Spuren im Sand“.

 

Spuren im Sand

Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.
Und jedesmal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.
Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen
war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte,
daß an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur
zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.

Besorgt fragte ich den Herrn:
„Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du
mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich, daß in den schwersten Zeiten
meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am
meisten brauchte?“

Da antwortete er:
„Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie
allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort wo du nur eine Spur gesehen hast,
da habe ich dich getragen.

Im Buch wird geschildert, wie die Familie durch die Unterstützung der Menschen in der Region getragen wird, das fängt an von  aufmunternden Worten bis hin zu einem Gedenkmarsch, an dem sich mehrere hundert Menschen beteiligen. Aber auch eine andere Seite wird beleuchtet, die Menschen die es nicht verstehen können, dass Mirco noch so spät unterwegs war, werden in dem Buch zu Wort kommen, und ich kann das nur bestätigen, viele Menschen zeigten ihr Unverständnis darüber, dass ein kleiner Junge noch so spät unterwegs war. Ich kann mich noch genau an diesen Tag im September erinnern, ich war um die besagte Zeit auf dem Weg ins Sauerland, und habe mich geärgert, dass ich nicht in ruhe das EM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und Belgien ansehen konnte, auf der Fahrt merkte ich bewusst, wie dunkel es ist, aber ich habe mir nie erlaubt über diese Eltern zu richten, ich glaubte sie hatten andere Sorgen, als sich um Vorwürfe zu kümmern.  Auch das Mircos Verschwinden erst am anderen Morgen entdeckt wurde, entzweite die Eltern nicht, anders als wie man es erwartete, dass sich jetzt die Eltern gegenseitig Vorwürfe machen, habe sie sich recht schnell vergeben und vereinbart, sich nie Vorwürfe zu machen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Entscheidung schwer ist, denn in diesem ganzen Gefühlschaos ist es schwer,  seine Emotionen immer unter Kontrolle zu halten, aber sie haben es geschafft und dazu kann man den Eltern nur gratulieren.

Abgesehen von diesen Fällen, fand ich es viel schlimmer, was für Gerüchte die Runde machten, Mirco sei nicht der leibliche Sohn, Mircos Eltern haben ihr Haus mit Bibelversen geschmückt usw. Einfach unverständlich, wie Menschen solche Meldungen in die Welt setzten und wie solche Gerüchte sich rasend schnell verbreiteten. Der Höhepunkt war, als im Internet ein Fahndungsbild verbreitet wurde, auf denen ein Mann und eine Frau aus einem fahrenden Bus zu sehen sind, laut diesem Aufruf sollen die beiden Personen Mirco verschleppt haben. Ein weiterer Fall ereignete sich, als zwei Männer sich als Mitarbeiter der SOKO Mirco vorstellten und eine Hausdurchsuchung vollzogen. Es ist einfach nicht nachzuvollziehen, was Menschen bewegt, sowas zu tun. Aber das sind die dunklen Schatten dieses Falles, aber es gab auch viel Licht.

Die Eltern haben auch für  Verwunderung gesorgt, als sie mitteilten, dass sie dem Mörder ihres Sohnes vergeben haben, eine Tatsache, die mich persönlich auch sehr verwundert hat. Die Eltern begründen ihre Vergebung damit, dass sie nicht vom Hass geleitet werden möchten, sondern für ihre anderen Kinder da sein wollen und aus diesem Grunde vergeben sie Olaf H., damit ihr Leben weitergehen kann. Ihre Erklärung scheint plausibel,  für mich bleibt so eine abscheuliche Tat unverzeihlich ! Was aber nicht bedeutet, dass man den Rest seines Lebens dem Täter aufbringen sollte.

Insgesamt ein sehr schönes Buch, was man angesichts der Tat nicht für möglich hält. Ein Lehrbuch für den Umgang untereinander, angereichert mit christlichen Vorstellungen. Dieses Buch wird Menschen hoffentlich helfen, schlimme Situationen zu überstehen.

Ich wünsche der Familie Schlitter von Herzen alles Gute.

2 thoughts on “Das Buch Mirco Verlieren. Verzweifeln. Verzeihen. Eine Nachbetarchtung

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